Willkommen in Schenkenländchen
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Mathe-Paukerin schlägt auf die Pauke

Heiße Köpfe von Gabriela Welter
Gabriela Welter
Telefon:03 37 66/6 21 96

Heiße Köpfe rauchen im Wald

Stand: Dezember 2016

Während man sich mancherorts die Köpfe heiß redet, entstehen im Schenkenländchen heiße Köpfe, die weltweit gefragt sind!

Dafür verantwortlich ist Gabriela Welter. In ihrem „Hexenhäuschen“ im idyllischen Wald erleben charakterstarke Köpfe eine etwas andere Geburt. Sie entstehen fast wie im vielfach verfilmten Gruselroman „Frankenstein“ von Mary Shelley unter Einwirkung von Materie, Hitze und allerlei Chemie. Während der „Gruselheld“ aus der Ära der englischen Schauerliteratur nach dem Willen seiner Schöpferin neue Menschen schaffen wollte, gibt sich dihauptberuf­liche Biologie-Lehrerin und Mathe-Paukerin aus dem Schenkenländchen erheblich bescheidener.

Kopf ohne Körper
Sie konzentriert sich auf den Kopf, den Rest vom Körper lässt sie einfach weg. Allerdings geht es kaum lustiger zu als bei Victor Frankenstein, der seit seiner „Entstehung“ von vor knapp 200 Jahren immer wieder durch unsere Köpfe geistert. „Mich interessieren insbesondere Schrecken und Furcht im Gesicht, der Moment von Angst und starker Emotion“, berichtet sie, die selbst alles andere als ein Kind von Traurigkeit ist. „Ich hatte in einer Ausstellung Fotos von traumatisierten Menschen aus dem Afghanistan-Krieg gesehen. Diese Bilder ließen mich nicht mehr los. Seitdem entstehen in meinem Atelier Köpfe. Daran arbeite ich oft monatelang.“

International gefragt
Mittlerweile ist Gabriela Welter damit im weltweiten Kunstbetrieb gefragt. „Ich hatte bereits Anfragen aus China. Meine Arbeit hat Fans in Japan. Kürzlich bekam ich das Angebot, in New York an einer Ausstellung teilzunehmen“, gibt Gabriela Welter Einblick in ihre Kunst-Welt. Eine große Besonderheit liegt im Herstellungsprozess, der Kreativität, Mut und Technik verbindet.

Heißer Ofen
Dazu erzeugt sie auf ihrem Grundstück eine Hochofen-Atmosphäre, wie man sie sonst eher aus Stahlwerken kennt. Wenn sie die Tür ihres niedlich aussehenden Brennofens öffnet, offenbart sich darin eine rotglühende Hölle. Dafür sorgen immense Temperaturen von kaum vorstell­baren 1300 Grad Celsius. In diesem Moment gilt es Mut und Muskeln zu zeigen, denn die heißen, schweren und damit extrem fragilen Kunst­werke müssen von Hand so glühend wie sie sind, in eine Tonne verfrachtet werden. Dort werden sie unter Ausschluss von Sauerstoff mit Sägespänen geräuchert. Das geht solange, bis die gewünschte Farbe erreicht ist.

Zersprungene Albträume
„Ich habe mir schon diverse Brandwunden zugezogen und mehrmals die Haare versengt“, gibt Gabriela Welter zu. „Viele der Kunstwerke überstehen den Prozess nicht und zerspringen. Dann sind sie ein für alle Male verloren, ich wiederhole sie niemals. Das betraf anfangs etwa zwei Drittel der Arbeiten“, führt sie aus. Waren das dann zersprungene Träume oder Albträume? „Es kommt tatsächlich manchmal vor, dass Betrachter gerührt in Tränen ausbrechen“, hat sie bei Ausstellungen erlebt. Gabriela Welter ist eine begeisterte Anhängerin der vor allem in Asien verbreiteten Raku-Technik, die sie versucht weiterzuentwickeln und zu perfektionieren. „In Asien werden damit Gegenstände gefertigt, die sich durch eine Materialstärke von mehreren Millimetern auszeichnen. Damit wirken sie ‚dick‘. Ich versuche möglichst hauchdünn zu arbeiten“, beschreibt sie ihren sehr ungewöhnlichen Ansatz. Der kommt bei ihr weniger Gebrauchsgegenständen, sondern eben ihren filigranen „Köpfen“ zugute. Diese fertigt sie nach eigenen Eindrücken oder Zeitungs­bildern. Bevor sie der Tortur des Brennofens ausgesetzt werden, bearbeitet sie die Künstlerin mit so feinen Instrumenten wie einem Zahnarztbesteck.

Unperfekt wie die Menschen
Ihre Grundlage ist ein Ton-Papiergemisch. Dadurch ergeben sich besonders grobporige Ergebnisse. Darin arbeitet sie später Kupferstaub und andere Materialien ein, um einen Metallcharakter zu erzielen, dessen Patina je nach Alter, Lichteinfall und klimatischen Bedingungen anders aussieht. Damit erreicht sie, dass ihre Köpfe leben, allerdings etwas anders, als es sich „Frankenstein“ vorgestellt hat. Übrigens sind ihre Kunst­werke fast nie „perfekt“. Es scheinen Teile zu fehlen, die Gesichter wirken teilweise verzerrt. „Die meisten Menschen erleben im Lauf des Lebens Beschädigungen. Allerdings sehen sie dennoch meist unversehrter aus als meine Arbeiten“, schmunzelt sie.

Am Brennpunkt
Wenn sie Menschen ins plastische Bild bringt, kann sie dabei aus viel Lebenserfahrung schöpfen. So hat sie, die hobbymäßig gerne Schlagzeug spielt, mit Behinderten eine Trommelgruppe auf die Bühne gebracht, die es sogar zu Auftritten in der Berliner „Kulturbrauerei“ in Prenzlauer Berg geschafft hat. Als langjährige Lehrerin für Mathematik und Biologie unterrichtete sie an Gesamtschulen in ihrem Heimatstadtteil, der Brennpunktregion Berlin-Neukölln. „Später war ich in der Erwachsenenbildung an einer Abendschule tätig, wo ich sehr gemischte Gruppen hatte, mit teilweise problematischen Charakteren.“

Technik die hilft
Trotz der kreativen Ader, die sie seit Kindesbeinen in sich spürte, entschloss sie sich nach dem auf einer Gesamtschule „errungenen“ Abitur, ihrer neben der Kunst zweiten Vorliebe, der Mathematik Vorrang zu geben. „Ich war als Kind und Jugendliche oft sehr verträumt und hatte Schulprobleme. Die Naturwissenschaften halfen mir mein Leben zu strukturieren.“ Das nützt ihr jetzt ausgerechnet in der Kunst!